Traditionelles Gedenken in der Bittermark stieß wieder auf großes Interesse

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Gang zur Krypta
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Etwa 1.700 Menschen aus Zivilgesellschaft und Politik gedachten an Karfreitag, 19. April, am Mahnmal in der Bittermark den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. 

In der Osterzeit 1945 ermordeten Nazis im Rombergpark und in der Bittermark 300 Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer und Kriegsgefangene. Etwa 200 von ihnen sind auf der Lichtung im Stadtforst zur letzten Ruhe gebettet. An Karfreitag 1958 wurde stellvertretend für sie ein unbekanntes Opfer in der Krypta des Mahnmals beigesetzt. Seit nunmehr über sechs Jahrzehnten erinnert die Stadt Dortmund immer an Karfreitag an die Verbrechen.

Auf dem Weg zum Mahnmal kamen die Gäste an Tafeln mit Bildern und Texten vorbei. Sie geben den vielen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ein Gesicht. Diesen „Weg der Erinnerung“ entwarfen die Botschafter der Erinnerung – junge Leute, die aktiv gegen das Vergessen der Schrecken der NS-Diktatur kämpfen und für die Menschenrechte einstehen.

Um die 200 Läufer absolvierten vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung den Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf. Der Lauf startete am Stadion Rote Erde, führte über den Rombergpark bis zur Bittermark. Mit dieser Aktion erinnert der BVB seit 15 Jahren an den Widerstandskämpfer und BVB-Platzwart Heinrich Czerkus (1894-1945), der zu einem der 300 Ermordeten zählt.

Gegen das Vergessen

Zwar könnten die Verbrechen nicht ungeschehen gemacht werden, so Oberbürgermeister Ullrich Sierau in seiner Begrüßung, „aber wir müssen uns der Verantwortung stellen, der Verantwortung, dass die Opfer nicht vergessen werden. Rassismus, Faschismus und Menschenverachtung führten zum Krieg.“ Unter großem Applaus der Gäste betonte Sierau: „So lautet die Botschaft der Veranstaltung in der Bittermark: Nie wieder Rassismus, Faschismus und Menschenverachtung! Wir stehen gegen das Vergessen.“

Der Oberbürgermeister sagte weiter, dass das Karfreitagsgedenken kein rückwärtsgewandtes Ritual sei, sondern ein lebendiger Teil der Erinnerungskultur in der Dortmunder Stadtgesellschaft. Er bedankte sich bei den Mitgliedern des Verbandes französischer Zwangs- und Arbeitsdeportierten für ihr Kommen. „Der Besuch bedeutet uns sehr viel, denn es ist ein Zeichen der Versöhnung zwischen unseren Völkern. Gerade in Zeiten, in denen der Populismus wieder Auftrieb hat, stehen wir zusammen. Europa ist die Antwort auf zwei höllische Kriege. Europa steht für Frieden.“ Sierau erläuterte außerdem, dass der Rat entschieden hätte, ein begehbares Mahnmal auf der Kulturinsel Phoenix See zu bauen zu lassen.

Ein weiterer, besonderer Dank des Oberbürgermeisters galt Wolfgang Asshoff, der mehr als 25 Jahre Beauftragter des Rates für die Bittermark war und nun aus Altersgründen ausscheidet. Das Amt übernimmt zukünftig Gaby Herdemertens.

Erinnerung als Schutzwall

Madame Nicole Godard, Vorsitzende des Verbandes der Zwangs- und Arbeitsdeportierten, unterstrich in ihrer bewegenden Rede: „Wir haben ein Erbe angetreten. Wir setzen uns dafür ein, den Opfern ihre Würde zurückzugeben und immer wieder zu erinnern.“ Das bedeute auch, den Opfern damit Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. „Die Erinnerung ist eine Pflicht, die in unserer Verantwort liegt. Erinnerung ist ein Schutzwall gegen die Gewalt!“

Oberbürgermeister Ullrich Sierau „verabschiedete“ Bittermarksbeauftragter Wolfang Asshoff, der die Aufgabe altersbedingt abtritt

Nach der anschließenden Performance „Tanz zum Gedenken“ – von Choreografin Monica Fotescu-Uta ausgearbeitet und von den Botschaftern der Erinnerung dargeboten – hatte der scheidende Bittermarkbeauftragte Wolfgang Asshoff das Wort. Er nahm die Gäste zunächst mit auf die Reise in die Anfänge der Karfreitagsgedenken und berichtete von Widerständen, aber auch von Menschen mit genug Mut, diese Veranstaltung zu etablieren. „Seitdem sind viele wichtige Persönlichkeiten gekommen, wie etwa die Bundespräsidenten Johannes Rau und Joachim Gauck. Und sie alle setzten sich für die Einhaltung der Menschenwürde ein“, so Asshoff.

Gemeinsam die Zukunft bauen

Der ehemalige Französischlehrer vom Max-Planck-Gymnasium engagierte sich seit Jahrzehnten für das Erinnern an die 300 Ermordeten. Darüber hinaus entstanden, durch seine Aktivitäten für den deutsch-französischen Austausch, viele Freundschaften über nationale Grenzen hinweg. Nur durch seinen andauernden Einsatz konnte die Gedenkfeier an Karfreitag in der Bittermark bis in die Gegenwart hinein fortleben.

Dafür bekam er unter anderem den Nationalen Verdienstorden Frankreichs. Dieser Orden zeichnet französische Träger für ihre besonderen Verdienste im öffentlichen, zivilen, militärischen oder im privaten Bereich aus und wird nur in Ausnahmefälle an Menschen anderer Nationalitäten verliehen. Außerdem erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande und die Ehrennadel der Stadt Dortmund.

Er fragte in seiner Rede: „Ist Gedenkkultur heute noch sinnvoll? Eine Welt, die Nationalismen und Egoismen zu verfallen droht, ist es wichtig auf Machtmechanismen hinzuweisen – politisch und gesamtgesellschaftlich. Nur wir zusammen können eine menschliche Zukunft bauen. Der alte Geist ist noch vorhanden. In diesem Sinne wünsche ich der Veranstaltung eine lange Dauer!“

Verneigung vor den Toten

Ernst Söder, Förderverein Steinwache – Internationales Rombergpark-Komitee e. V., beschloss die Reihe der Redner. Er verwies auf die Qualen, die die Toten von ihren Folterern ertragen mussten: „Wir verneigen uns heute vor diesen Toten im Gedenken an ihr Leid und kämpfen gegen Antisemitismus und Unmenschlichkeit.“ Söder warnte vor der Verharmlosung der Nazizeit und dem aufkeimenden Rechtspopulismus.

Auch in diesem Jahr galt sein Dank, genauso wie den Vorrednern, ausdrücklich den Botschaftern der Erinnerung, die den Kampf gegen den auflebenden Faschismus und Rechtsextremismus mit friedlichen Mitteln aufgenommen haben. Mit der Stadt Dortmund gestalten die Botschafter der Erinnerung die Gedenkveranstaltung.

Ihnen war die Schlussgestaltung vorbehalten. Mit Sänger Boris Walter und einem extra für diesen Anlass erarbeitetem Lied sowie ihrer Banneraktion leiteten sie über zum traditionell von allen Teilnehmenden und Gästen gesungenen Lied „Moorsoldaten“. Musikalisch begleiteten die Gedenkveranstaltung die Posaunenchören aus Dortmund sowie der Kinderchor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund e.V.

Quelle: Stadt Dortmund/Gaye Suse Kromer

https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/nachrichtenportal/alle_nachrichten/nachricht.jsp?nid=580032

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